Interview mit Regisseur und Produzent JENS SCHANZE
AM: Innerhalb der Erzählstruktur des Films scheint die Chronik aus der Kolonialzeit von Guamán Poma de Ayala als Spiegel der Gegenwart zu fungieren. Wie ist diese Struktur entstanden, in der „Erwartungen“ und Perspektiven der Gegenwart unter dem anhaltenden Schatten des Kolonialismus liegen und mit der Vergangenheit in einen Dialog treten?
JS: Bereits zu Beginn der Recherche zu Postkolonialen Studien bin ich auf die Chronik von Guaman Poma gestoßen. Sie besteht aus fast 1200 Seiten, die in 39 Kapitel gegliedert sind. Wir haben uns auf die Auswertung jener Kapitel konzentriert, die sich mit den Verhältnissen in präkolumbianischer Zeit und mit der Phase der Eroberung durch die Spanier beschäftigen. Es war frappierend, dass viele seiner Aussagen und Beobachtungen sich auf die Ereignisse und Umstände in der Gegenwart übertragen ließen. Wir hatten zunächst eine Vielzahl von Textstellen identifiziert, die für den Film relevant waren. Im Laufe der Montageprozesses kristallisierte sich immer klarer heraus, welche Passagen mit unserem Filmmaterial so korrespondieren, dass Zwischentöne aktiviert werden und sich Interpretationsräume im Zusammenhang mit dem Thema Postkolonialisums öffnen.
Sie beschreiben den Film als eine aus verschiedenen Perspektiven erzählte Geschichte, die nach sechs Jahren Produktionszeit entstanden ist. Haben Sie während dieser Konferenzen und Zusammenkünfte zwischen EU-Diplomaten, Unternehmern und lokalen Gemeinschaften einen echten Berührungspunkt zwischen diesen Welten wahrgenommen, oder zeigt sich vielmehr eine Kluft in der Sprache und den Vorstellungen, die die Akteure voneinander haben?
Die Recherche und die Arbeit vor Ort umfasste einen Zeitraum von gut vier Jahren, Schnitt und Postproduktion dauerten eineinhalb Jahre.
Ich habe während dieser Zeit nicht beobachtet, dass ein wirkliches Verständnis für das jeweilige Gegenüber entsteht. Die Interessen des eigenen Lagers und das politische Taktieren dominierten die Begegnungen. Bei Leuten aus der lokalen Bevölkerung habe ich eine größere Bereitschaft zu einem offenen Dialog und zur Suche nach Lösungen, die die Interessen aller vereinen, wahrgenommen.
Der Film beschreibt ein Paradox: Der von Europa vorangetriebene ökologische Wandel scheint ein anderes Tempo zu haben als die Folgen, die er auf bolivianischem Gebiet nach sich zieht. Glauben Sie, dass diese Vorstellung der globalen Nachhaltigkeit, die derzeit verhandelt wird, in der Praxis Gefahr läuft, als neue Verpackung für alte koloniale Muster zu fungieren?
Der wachsende Wohlstand und die damit verbundene Lebensweise der Menschen, insbesondere natürlich in den Industrieländern, basiert auf dem Verbrauch von Rohstoffen. Die Gewinnung nicht erneuerbarer Rohstoffe durch Bergbau verursacht immer Schäden, sowohl kultureller als auch sozialer und ökologischer Art. Auch für die Technologien der so genannten grünen Energiewende werden endliche Rohstoffe benötigt. Solange diese Rohstoffe vorwiegend in Ländern des so genannten Globalen Südens abgebaut werden - meist handelt es sich um ehemalige Kolonien der heutigen Industrienationen - ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die alten Muster wiederholt werden. Es sei denn, alle Beteiligten erkennen dies als Problem und entwickeln die Bereitschaft, auf Augenhöhe und zum Wohle aller zu agieren. Gleichzeitig müssten die Menschen in den Industrieländern ihren Ressourcenverbrauch massiv reduzieren.
Sie haben sich bereits früher mit dem Verlust sozialer Bindungen in deutschen Bergbauregionen beschäftigt. Vor diesem Hintergrund und aufgrund einiger Aussagen in Ihrem Film scheint es, als ob für einen Teil der Dorfgemeinschaften Beschäftigung und wirtschaftliche Stabilität oberste Priorität haben. Hatten Sie den Eindruck, dass diese materielle Dringlichkeit manchmal grundlegendere Auseinandersetzungen über Identität, Souveränität oder die Lehren aus der Geschichte in den Hintergrund drängt?
Unterschiedliche oder sogar gegensätzliche Interessen innerhalb einer Gemeinschaft sind ja eher Normalität als Ausnahme. Entscheidend ist, wie die Gruppe damit umgeht. Die intensiv geführten Diskussionen, die wir in Bolivien erlebt durften, haben mich sehr beeindruckt. Die fortdauernde materielle Ungleichheit zwischen der lokalen Bevölkerung und den Vertretern der ausländischen Interessen öffnet natürlich die Tür für ein neues Abhängigkeitsverhältnis bzw. die Fortsetzung des bestehenden. Die kurzfristige Existenzsicherung und die langfristige Souveränität dürfen eben nicht zu einer Entweder-oder-Situation führen, sondern sie gehören zusammen. Unter höchst prekären Lebensumständen kann man diese Perspektive womöglich gar nicht einnehmen. Manchen gelingt es dennoch. Und ich sehe die Unternehmen und Politiker in der Verantwortung, die unmittelbare materielle Ungleichheit nicht auszunutzen, sondern die langfristige Perspektive zur Grundlage ihres Handelns zu machen.
Der Titel „Materia Prima“ (Rohstoff) hat eine sehr starke symbolische Bedeutung. Der Film fängt einen Moment vor Beginn der industriellen Tätigkeit ein. Wie haben Sie versucht, mit Ihrer Kamera die Perspektive auf das Land, die es als bloße „potenzielle Ressource“ oder Objekt zur Vermarktung betrachtet, in etwas zu verwandeln, das ihm seine Würde und den Bewohnern das Gefühl der Zugehörigkeit zurückgeben?
Wir haben versucht zu erfahren und zu verstehen, welche Bedeutung das Land, die Orte und die Landschaft für die Menschen haben. Wenn man zuhört und Zeit miteinander verbringt, dann entsteht ein Bild dessen, was ihnen in ihrer Umgebung wichtig ist und was durch Industrialisierung und Rohstoffabbau möglicherweise in Gefahr ist. Dieses Bild haben wir versucht, mit der Kamera sichtbar zu machen. Die riesige Dimension des Salar de Uyuni, die Schroffheit der Bergketten und ihre Unberührtheit rufen eine Empfindung von Transzendenz hervor, deren Beschreibung wir auch in der Chronik von Guamán Poma gefunden haben.
Auf visueller Ebene ist die Kameraführung des Dokumentarfilms äußerst sorgfältig und die Bilder sind von beeindruckender Schönheit. Nachdem Sie immer wieder Kämpfe für wirtschaftliche Gerechtigkeit begleitet haben, hatten Sie jemals die Befürchtung, dass eine übermäßige Ästhetisierung die politische Botschaft abschwächen könnte, oder glauben Sie, dass diese Schönheit notwendig ist, um einer Landschaft, die von außen oft nur als Rohstoffquelle betrachtet wird, ihre Würde zurückzugeben?
Ich arbeite seit über 25 Jahren mit dem Kameramann Börres Weiffenbach zusammen. Wir stimmen darin überein, dass jeder Film entsprechend seines Themas eine eigene visuelle Sprache benötigt. Mehrere unserer Protagonisten in Bolivien haben über die magische Schönheit und die spirituelle Bedeutung der Berge, Täler und Ebenen gesprochen. Und auch wir haben das empfunden. Diese Wahrnehmung und Empfindung von Erfurcht ist möglicherweise also etwas Universelles, das nicht an Kultur- oder Sprachräume gebunden ist. Diese Landschaft und der Lebensraum sind etwas Wertvolles, das möglicherweise für eine industrielle Nutzung, die voraussichtlich höchstens 30-50 Jahre dauert, dauerhaft geopfert wird. Wir fanden es wichtig, dies in unserer Bildsprache zu reflektieren.
Gegen Ende des Films bleibt in den lokalen Gemeinschaften ein Gefühl der Unsicherheit bestehen. Glauben Sie, nachdem Sie so viel Zeit mit ihnen verbracht haben, dass sich die Bewohner dieser Gebiete eher als Protagonisten des Wandels oder als Opfer eines sich wiederholenden historischen Kreislaufs sehen?
Wir haben in Potosí und am Salar de Uyuni unterschiedliche Charaktere kennengelernt, manche eher desillusioniert und auf den täglichen Überlebenskampf konzentriert, manche kämpferisch und erfüllt von der Überzeugung, selbst die Weichen für die eigene Zukunft und vor allem für die nächsten Generationen stellen zu müssen. Was hinterlassen wir? Diese Frage ist ein mächtiger Antrieb und setzt bei den Menschen Energie frei, von der auch in unserem Film etwas zu spüren ist. In meiner Wahrnehmung überwiegt bei vielen das Bewusstsein: Jetzt ist der Moment in unserer Geschichte, wo es auf uns ankommt, wo wir keinesfalls nachgeben dürfen.
Die Dreharbeiten in Bolivien während dieser sechs Jahre – in einem Umfeld, das von Straßensperren, Versorgungsengpässen und sogar einem versuchten Militärputsch auf über 4.000 Metern über dem Meeresspiegel geprägt war – müssen eine echte Belastungsprobe gewesen sein. Könnten Sie näher erläutern, wie Sie einerseits die rein praktischen und logistischen Herausforderungen eines solch extremen Drehs und andererseits die ethischen Herausforderungen in Einklang gebracht haben, die damit verbunden sind, eine so fragile Realität zu dokumentieren, ohne einen Blick von außen aufzuzwingen?
Der Schlüssel, um mit diesen komplexen Herausforderungen umzugehen, war, die bolivianischen Mitglieder unseres Teams zu finden. Wir haben über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren ein Netzwerk in Bolivien aufgebaut. Zentrale Personen waren Patricia Quintanilla, Filmemacherin und Produzentin aus La Paz, und Rodrigo Mamani, der in der Region Uyuni lebt und, wie viele Bolivianer, in verschiedenen Branchen arbeitet. Wir haben außerdem Kontakte zu zahlreichen NGOs aufgebaut, ebenso zu verschiedenen Personen der Botschaften und der EU-Vertretung in Bolivien sowie zur bolivianischen Verwaltung und Ministerien.
Durch die Vielzahl und Unterschiedlichkeit unserer Kontakte und Gesprächspartner sind wir immer tiefer in den Diskurs, der innerhalb Boliviens geführt wird, eingetaucht. Unsere Finanzierungspartner in Deutschland haben uns die notwendige Zeit gegeben, um diesen Prozess zu durchlaufen. Auch während der Dreharbeiten hatten wir die Möglichkeit, uns mit der jeweiligen Situation unserer Protagonisten sehr genau zu beschäftigen und einen Weg zu suchen, die jeweilige Perspektive abzubilden.
Die logistischen Herausforderungen bei der Drehplanung konnten wir durch die Erfahrung der bolivianischen Teammitglieder und die Geduld und Flexibilität unserer Mitarbeiter in Deutschland meistern. Wir haben die Verantwortung für die Produktion nach der ersten Drehphase, bei der das Projekt kurz vor dem Abbruch stand, von unserem Koproduktionspartner übernommen. Dadurch haben wir die Freiheit gewonnen, das Projekt mit dem notwendigen Zeitaufwand und der erforderlichen Sorgfalt fortzuführen.
Das Original dieses Artikels wurde bei CineCritica veröffentlicht.